Level 42. Der Krebs, die Depression und mein Geburtstag

42 Jahre alt. Früher wirkte diese Zahl unerreichbar weit weg, heute fühlt sie sich überraschend schwer an. Mein erster Geburtstag nach der Krebsdiagnose bringt keine große Feierlaune mit sich, sondern Gedanken über Enttäuschungen, verlorene Gewissheiten, die Endlichkeit des Lebens und die Menschen, die geblieben sind. Ein persönlicher Blick auf ein Jahr, das vieles verändert hat.

Endlich 42, oder so. Vor einem Monat öffnete sich das nächste Kapitel im Leben und schreit einfach nur danach, als würde vieles weiterhin gleichbleiben, obwohl drumherum viel passiert. Früher klang diese Zahl für mich weit weg. Irgendwo in einer Zukunft, die unendlich Zeit zu haben schien. Heute ist sie da. Und zum wiederholten Mal fühlt sich ein Geburtstag anders an, als es früher einmal war. Zudem war es mein erster Geburtstag nach der Krebsdiagnose.

Im Großen und Ganzen ist es ruhiger geworden, die Nachrichten werden weniger und es fühlt sich für mich immer mehr wie ein normaler Tag an. Der Zauber und die Vorfreude scheinen verschwunden, ich bin nur noch froh, wenn der Tag vorbei ist und mich keiner anruft, der sonst auch nicht an mich denkt. Gespieltes Interesse, nur weil man geboren wurde, brauche ich dann am Ende auch nicht. Da sind mir Newsletter, Glückwünsche und Nachrichten auf Social Media bald schon lieber. Schade nur, dass ich versuche, keine Erwartungen zu haben, aber ständig daran scheitere und dennoch enttäuscht werde. Ist ja nicht so, als wäre ich beliebt und man wollte mit mir zusammen sein und Zeit verbringen.

Durch die Erkrankung verändert sich der Blick auf das Leben, die bestehenden Baustellen bekommen harte Konkurrenz und die eigene Kraft und Ausdauer sind endlich. Alles, was mir Freude brachte, ist aktuell eine Belastung und jedes neue Wehwehchen löst ein ultra unangenehmes Kopfkino aus.

Im letzten Jahr ist vieles weniger geworden. Weniger Selbstverständlichkeit. Weniger Unbeschwertheit. Weniger Gewissheit, dass morgen einfach so kommt wie gestern.

Aber auch weniger Menschen, von denen ich dachte, sie würden bleiben. Weniger Erwartungen an andere. Weniger Kraft, mich mit Dingen aufzuhalten, die mir nicht guttun.

Manches, was früher groß erschien, ist klein geworden. Manches, was ich für wichtig hielt, hat seinen Platz verloren.

Dafür scheinen andere Dinge gewachsen zu sein, die hoffentlich nicht in meinem Körper sind. Die Dankbarkeit für einen normalen Tag. Für eine Nachricht zur richtigen Zeit. Für Menschen, die nicht viele Worte brauchen, um da zu sein. Für meine Frau, die an meiner Seite geblieben ist, als die Welt plötzlich aus den Fugen geriet.

Krebs hat mir nichts geschenkt. Er hat Angst gebracht, Zweifel, schlaflose Nächte und Fragen, auf die es keine guten Antworten gibt. Aber er hat mich gezwungen, hinzusehen.

Auf mein Leben. Auf meine Grenzen. Auf die Endlichkeit, die wir alle kennen und doch so gern verdrängen. 42 ist deshalb kein Geburtstag, an dem ich Bilanz ziehe und behaupte, alles verstanden zu haben. Eher das Gegenteil.

Ich weiß heute, wie wenig selbstverständlich es ist. Wie schnell sich Pläne verändern können. Wie wertvoll Menschen sind, die bleiben, wenn es schwierig wird.

Und ich weiß, dass jeder weitere Geburtstag ein Geschenk ist, das man nicht erst dann schätzen sollte, wenn es beinahe verloren geht.

Ich werde nicht feiern, weil alles gut ist. Ich werde vermutlich auch nicht feiern, weil ich noch hier bin. Ich sehe keinen Grund zu feiern, da hängt die Depression dann zu sehr im Hintergrund. Es ist ein Elend und macht keinen Spaß mehr.

Wie dem auch sei, auf die nächsten 365 Tage. 🍀

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