Rückblick 2025: Ein Jahr im Rohbau

2025 fühlte sich an wie ein leerstehender Rohbau: von außen Stillstand, innen offene Baustellen und verbrauchte Energie. Ein Jahr zwischen Depression, Verlust, Krankheit und der Suche nach einem Weg zurück zu mir selbst.

Leerstehender Rohbau in Leipzig, vollständig eingerüstet, mit offenen Etagen und sichtbaren Baustellen, die Stillstand und verborgene Arbeit symbolisieren.

Das Bild zu diesem Text zeigt einen lange leer stehenden Rohbau in Leipzig. Von außen wirkt er verlassen, als würde dort nichts passieren. Innen sieht es anders aus. Offene Leitungen, verbrauchte Energie, Baustellen, die niemand wahrnimmt. Manchmal wird eine Etage verkleidet, Holz angebracht und für Außenstehende sieht es nach Fortschritt aus. Was man nicht sieht ist, was dort für Kraft und Ressourcen gelassen werden und wer am Ende mit leerem Akku zurückbleibt. Dieses Bild passt erschreckend gut zu meinem Jahr 2025. Und zu manchen Menschen, die im Leben auftauchen, Energie ziehen und weitergehen, während man selbst zurückbleibt.

Ich bin mit wenigen Erwartungen in dieses Jahr gestartet. Trotzdem war es schwer. Es gab viele Vorsätze, viele Gedanken an Veränderung und den Wunsch, Dinge endlich anzugehen. Doch plötzlich fühlte sich 2025 nicht wie ein Neuanfang an, sondern wie eine Simulation. Wie eine direkte Fortsetzung der Probleme aus dem Vorjahr. Viele Worte, wenig Veränderung. Ich kam keinen Schritt weiter und mein sozialer Akku war dauerhaft leer und immer auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht einmal genau wusste, was es sein sollte.

Zu Beginn des Jahres schrieb ich noch, dass 2025 sich wie ein neues Buch mit 365 leeren Seiten anfühlt. Dass es nicht perfekt, aber ehrlich und mutig werden sollte. Ehrlich war es. Mutig vielleicht weniger, als ich mir vorgenommen hatte. Ich wollte an meiner Gesundheit arbeiten, Diagnosen bekommen, Hilfe finden, um aus diesem Tief herauszukommen. Ich wollte Konzerte erleben, Veranstaltungen besuchen, mehr Leben spüren. Tickets hatte ich viele. Die Kraft dafür leider nicht.

Parallel dazu verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand von Miez immer weiter. In meinem Kopf war sie noch jung, ich wollte es nicht wahrhaben, auch wenn ich schon lange hoffte, dass es dann einfacher wird, wenn sie es geschafft haben wird. Sie war meine Beschützerin vor der Dunkelheit in der Nacht, mein Ruhepol, meine Konstante. Im April mussten wir sie gehen lassen. Auch wenn ich mich innerlich darauf vorbereitet hatte, hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Akku war nicht mehr nur leer – eine wichtige Ladequelle war einfach weg.

Es gab trotzdem Momente in diesem Jahr. Veranstaltungen, Begegnungen, kleine Lichtpunkte. Mark Benecke, Heinz Strunk als feste Familientradition, das Tropenleuchten im Zoo, die Oper, der Bundestagswahlkampf von Robert Habeck, ein Wiedersehen mit einem guten Freund während des WGT. Und doch blieb da dieses Gefühl, dass all das nicht wirklich trägt. Dass ich etwas vermisse, von dem ich nicht einmal sagen kann, was es ist. Vielleicht etwas, das ich im Leben nie hatte. Ein merkwürdiger, schwer greifbarer Zustand.

Depression, Trauer und dieses ständige Schweben auf der Suche nach mir selbst sind so kräftezehrend, dass nach der Arbeit kaum noch Energie bleibt, mich um mich selbst zu kümmern. Ich flüchte, so gut es geht, in andere Welten: Videospiele, Serien, Filme, Bücher. Lesen sollte beruhigen, vielleicht ablenken. Es hat nicht den Effekt gehabt, den ich mir erhofft habe. Vielleicht schreibe ich darüber an anderer Stelle noch einmal ausführlicher.

Die Tage vergingen trotzdem. Hell, dunkel. Kaffee, Essen, Arbeit und dann dieses Gefühl des Vergammelns, weil man sich nicht aufraffen kann. »Täglich grüßt das Murmeltier« trifft es ziemlich gut. Mein Geburtstag kam und ging unspektakulär. Erwartungen hatte ich kaum und selbst die wurden unterboten, weil es eine innere Erwartung gibt, die ich nicht greifen und äußern kann. Ich weiß nicht immer, was mir fehlt und genau dieses Halbwissen raubt oft am meisten Energie. Der Wunsch dazuzugehören, gesehen zu werden, bedacht zu werden, ist anstrengend, wenn man innerlich ständig dagegen ankämpft.

Der Juni hat dann alles aus der Bahn geworfen. Zwar war meine Lieblingsband Korn in der Stadt und wir waren auf dem Konzert, doch im Hintergrund lief bereits etwas, das alles andere überschattete. Die Diagnose Hodenkrebs kam, kurz darauf der Krankenhausaufenthalt und die Operation. Eine zweite OP folgte, dazu eine monatelange Wundversorgung, die mich bis zum Jahresende begleitet hat. Alle Pläne waren damit hinfällig: Baden im See, Konzerte, Unternehmungen, alles rückte in weite Ferne.

Mit der Zeit wurde ich immer inaktiver, fiel zusätzlich auf Arbeit aus und hatte plötzlich eine weitere Baustelle im Leben, die dauerhaft mitschwingt. Jede Veränderung am Körper triggert Ängste, schlechte Gedanken sind sofort da. Die Depression nutzt das gnadenlos aus und versucht, mich weiter nach unten zu ziehen. Medizinisch waren die Nachsorgen zufriedenstellend, auch im Adipositas-Bereich. Ich konnte mein Gewicht halten. Doch das passt nur bedingt zu meiner Lebensrealität, die aus Frustessen und Kontrollverlust besteht. Seit der Operation habe ich meine Essstörung noch weniger im Griff und lasse vieles einfach zu. Wohl wissend, dass es mir nicht guttut und genau der falsche Weg ist. Der Griff nach Dopamin durch Essen und sinnlose Käufe sind da ein gefährliches Hand in Hand. Zudem die mangelnde Bewegung und die Angst nach draußen zu gehen, weil ich nicht gesehen werden möchte.

Zum Jahresende gab es noch Konzerte, lieben Besuch und eine weihnachtliche Zeit in der Oper. Und trotzdem habe ich es nicht geschafft, mich wirklich aufzuraffen oder weiterzumachen. Ich bin so sehr damit beschäftigt zu funktionieren, Erwartungen zu erfüllen und für andere da zu sein, dass ich selbst hintenüberfalle.

Was das neue Jahr bringt, weiß ich nicht. Es wird nicht einfacher. Das aktuelle Weltgeschehen verstärkt oft den Gedanken, dass es am Ende egal ist, was ich an mir verändere, weil wir ohnehin stürmischen Zeiten entgegengehen. In einer der dümmsten Zeitschleifen, die man sich vorstellen kann. Der Rohbau steht noch. Von außen sieht man Stillstand. Innen ist vieles offen, unfertig und energiezehrend. Aber er steht. Noch.

Am Ende geht es also weiter mit dem 08/15-Leben. Mit Hürden, mit Säcken, die ich mit mir herumschleppe und mit dem Wissen, dass Stillstand keine Lösung ist. Ich werde lernen müssen, den gewohnten Pfad und meinen Safe Space zu verlassen, auch wenn es sich falsch, unsicher und überfordernd anfühlt. Leben heißt offenbar, Veränderung auszuhalten und mit ihr umzugehen.

Was kaum jemand versteht: wie schwer es ist, wieder zu sich selbst zurückzufinden, wenn man jahrelang nur funktioniert hat, um gesehen zu werden. Wenn das eigene Ich irgendwo zwischen Erwartungen, Anpassung und Überleben verloren gegangen ist. Am Ende bleiben Fragen, die sich für mich bisher nicht beantworten lassen: Wer bin ich eigentlich? Was bin ich geworden? Und wo will ich hin?

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