Irrelefant oder unsichtbar, mit Pauken und Trompeten

Ein Text über Unsichtbarkeit trotz Körper, über verpasste Nähe, verlorene Buddys und die Erschöpfung sozialer Erwartungen. Über das Dazugehören wollen, ohne sich selbst zu verlieren und über die Frage, wer man ist, wenn man gesehen werden möchte, aber niemand hinsieht.

Seit meiner Operation sind die Gedanken lauter geworden. Es sind keine neuen Gedanken, sie sind aber hartnäckiger. Sie setzen sich fest und lassen mich nicht mehr los. Es steht immer wieder die Frage im Raum: Wer bin ich eigentlich? Und wo sehen mich Menschen?

Wer bin ich und wo sehen mich Menschen?

Ich frage mich oft, wie ich nach außen wirke. Ob das, was ich von mir zeige, überhaupt ankommt. Oder ob ich nur Geräusche mache, ohne wirklich gehört oder wahrgenommen zu werden. Wie der Baum im Wald, der umfällt und es keiner hört, oder so. Sichtbar sein zu wollen fühlt sich manchmal an wie Betteln. Wie jemand, der mit Pauken und Trompeten, mit wehenden Fahnen vor einem Fenster steht und hofft, dass sich wenigstens ein Vorhang bewegt.

Doch oft passiert nichts und ich entdecke mich dabei, enttäuscht zu sein, von manchen keine Reaktion mehr zu erfahren. Ansprachen mag ich es aber auch nicht mehr, weil es vermutlich Teil eines Prozesses ist. Am Ende bestätigen sich vermutlich noch meine Gedanken und Ängste vor der Wahrheit.

Ein Leben, das selten Platz ließ

Ein Teil der Antwort liegt vermutlich auch in meinem gewählten Weg und Leben. Früher habe ich viel in der Systemgastronomie zu Zeiten gearbeitet, an denen andere frei und Zeit haben. Die Wochenenden waren selten frei. Wenn man mich gefragt hat, ob man etwas unternehmen will, habe ich oft abgesagt. Irgendwann wurde ich nicht mehr gefragt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Gewohnheit. Zumal ich mich mit vielen Aktivitäten auch nicht identifizieren konnte.

Sichtbar im Körper, unsichtbar als Mensch

Dazu kommt mein massives Übergewicht. Es macht vieles kompliziert. Nicht alles ist machbar. Nicht überall fühle ich mich wohl. Spontan irgendwohin gehen, neue Orte kennenlernen, neue Menschen treffen – das klingt einfacher, als es sich anfühlt. Auch Besuche zu Hause fallen dadurch oft weg. Alles braucht Planung. Alles kostet Kraft und geht Hand in Hand mit Ängsten.

Dieses merkwürdige Paradox

Und dann ist da noch dieser Widerspruch: sich unsichtbar zu fühlen, während man kolossal fett ist. Alle sehen den Körper, aber niemand sieht den Menschen – selbst ich sehe diesen Menschen nicht mehr. Es ist schon merkwürdig.

Nähe kostet Kraft

Kraft ist das, was mir fehlt. Soziale Situationen ermüden mich schnell und ich bin rasch genervt. Nicht von den Menschen, sondern von der Situation selbst. Von der Anstrengung, präsent zu sein, dabei aber nicht von anderen gesehen zu werden. Von der Erwartung, zu funktionieren. Mir fehlt die Freude an Aktivitäten, die für andere ganz normal sind.

Das Paradoxe daran ist: Ich möchte nicht allein sein. Aber Zusammensein kostet unsagbar viel Energie.

Keine Clique. Ein Buddy hätte gereicht.

Was mir fehlt, ist kein großes Netzwerk, kein Freundeskreis, keine Clique. Mir fehlen Buddys. Jemand, der Bock auf mich hat. Bei dem ich nicht immer derjenige sein muss, der die Kraft aufbringt, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Ja, es gibt Menschen, bei denen meldet man sich nach zwei Jahren wieder und es ist, als wäre nichts gewesen. Aber auch dort ist der Zauber inzwischen verflogen. Jeder geht am Ende seinen Weg und ich merke schmerzlich, dass ich nicht einmal als Ersatzrad diene, sondern die falsche Bestellung bin, die man behalten darf, weil die Rücksendung zu teuer und schädlich für die Umwelt ist.

Besonders an Weihnachten trifft mich das. Zu sehen, wie Freundschaften und Beziehungen funktionieren können, wie selbstverständlich Nähe für andere ist, während ich mich selbst ständig und überall hinterfrage.

Dazugehören um jeden Preis

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich versucht habe, überall dazuzugehören. Ich weiß bis heute nicht einmal sicher, ob ich die Musik, die Serien oder die Filme, die ich »mag«, wirklich mag – oder ob sie einfach zu einer Bubble gehörten, an die ich mich wie ein Magnet geklammert habe.

Ich habe unzählige Multiplayer-Spiele gekauft, die allein keinen Sinn machen. Spiele und Zubehör für die Playstation, nur für den Fall der Fälle. Um vorbereitet zu sein, falls doch jemand bleibt. Falls doch jemand kommt. Am Ende war man nur eine bessere Videothek, die kein Geld verlangt.

Ich habe keine Lösung

Blicke ich auf Freundschaften meiner Eltern zurück, stelle ich fest, dass auch sie keine wirklichen Freundschaften hatten. Es gab Arbeit, ein bisschen Familie und Bekanntschaften, mit denen man sich in der Kneipe oder auf der Arbeit getroffen hat. Freundschaften, mit denen man mehr unternommen hatte, wie Urlaube, waren schnell vorbei. Am Ende verblassten sie und neue wurden nicht aufgebaut. Ich habe nie verstanden, wie das funktioniert oder woran das liegt. Mir fehlt leider auch die soziale Kompetenz, um das für mich zu bewerten oder langfristig zu verändern.

Mein Problem dabei: Ich habe keine Lösung. Aber ich weiß, dass Schweigen diese Gedanken nur größer macht. Also schreibe ich sie auf und hoffe, dass der Platz im Kopf für Sinnvolleres genutzt wird. Am Ende soll es kein Vorwurf sein oder eine Anklage an Menschen, die mal Teil meines Lebens waren, sondern einfach meine Gefühle nach außen transportieren und das sein, was sie letztlich auch sind: ehrlich, müde, fragend.

Vielleicht erkennt sich auch jemand in dieser Situation darin wieder. Vielleicht auch nicht.

Curse – Der strengste Richter in deinem Leben?

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Schreibe einen Kommentar